Die Entstehung der Kritischen Theorie
1924 begann die Geschichte der Kritischen Theorie in Frankfurt. Carl Grünberg ehemaliger Jurist und seit 1909 Ordinarius für politische Ökonomie in Wien übernahm damals die Leitung des Instituts. Er selbst war erst im Laufe seiner Tätigkeit in Wien zum Marxisten geworden und vertrat eine an Max Adler angelehnte Marxrezeption. Dies implizierte ein im Nachhinein gesehen, naives Vertrauen auf den Lauf der Geschichte und die Leugnung der philosophischen Wurzeln der marxschen Kritik, die zu einer menge positivistischer Verkürzungen führte.
Trotz dieser traditionellen und eher positivistischen Leseart, bereitete Gründberg mit seiner Tätigkeit eine breite Diskussion im akademischen Bereich zur marxschen Kritik vor.
Mit der von ihm vertretenen Theorie, hatte er auf die spätere Ausrichtung des Institutes unter der Leitung von Max Horkheimer jedoch so gut wie keinen Einfluss. Mit einer Ausnahme, dass es sowohl Grünberg als auch der späteren Kritischen Theorie, nie in den Sinn gekommen wäre, den frühen Marx der “Pariser Manuskripte” gegen den späten Marx der “Kritik der politischen Ökonomie” auszuspielen um aus Marx einen Daseinsanalytiker oder Anthropologen zu machen, was gerade in den 1930 Jahren populär wurde. (Vgl. Alfred Schmidt 1974, S. 37-41)
Max Horkheimer gehörte zu einem der wichtigsten Intellektuellen, die eine philosophische Marxrezeption vertraten, die sich aber von der bereits erwähnten, ebenfalls philosophischen Leseweise, stark unterschied. Zentral war dabei die Frage nach der Bedeutung Hegels für Marx, vor allem bezüglich des Begriffs der Dialektik. Diese hatte Marx 1858 als das letzte Wort der Philosophie bezeichnet, doch sie müsse noch vom mystischen Schein, also den verklärten Fortschritt zu einer höheren Stufe, den sie bei Hegel habe, befreit werden. (Vgl. Ebd., S. 41-42)
Was ist Kritische Theorie für Horkheimer
Die Frage was denn Kritische Theorie sei, beantwortet Max Horkheimer schon in einem 1937 erschienen Aufsatz „Traditionelle und kritische Theorie“. Dabei handelt es sich um einen Versuch, Marx und dessen Kritik zu aktualisieren. Er hält zwar durchaus orthodox an der marxschen Kritik der politischen Ökonomie fest. (Vgl. Max Horkheimer 1988, S. 200) Spricht aber heute in der Theorie bestehende Widersprüche an, die er aber nicht als ein Fehler der Theorie selbst, sondern als das Resultat einer sich verändernden Welt im Übergang vom liberalen- zum Monopolkapitalismus begründet sieht. (Vgl. Ebd., S. 212)
Noch einmal 1969 widmet sich Max Horkheimer in zwei Reden der Frage, „Kritische Theorie gestern und heute“, dabei werden natürlich einige Positionen von 1937 revidiert. Vor allem der Hoffnung auf eine revolutionäre Umwälzung wird eine Absage erteilt. Revolutionen werden gar als überaus gefährlich dargestellt. Welche Positionen geändert und welche gleich blieben, soll im weiteren verlauf gezeigt werden.
In seinem schon erwähnten Aufsatz “Traditionelle und kritische Theorie” grenzte Max Horkheimer die Kritische Theorie, die er größtenteils mit der marxschen in eins setzt, sowohl von der traditionellen Theorie, die heute wie damals den Wissenschaftsbetrieb bestimmt, als auch von der Marxrezeption in der Sowjetunion ab.
Traditionelle Theorie beschreibt er als ein theoretisches System, dass frei ist von dogmatischen Setzungen und in dem sich die einzelnen Teile der Forschungsarbeit widerspruchsfrei aufeinander beziehen.
Dabei würden auch die Sozial- und Geisteswissenschaften auf die Methoden der Naturwissenschaften zurückgreifen, denn um den Marktwert Geisteswissenschaften sei es nicht immer gut bestellt, die Naturwissenschaften seien von solchem Zweifel aber durch ihre offensichtliche Nützlichkeit für die Produktion enthoben. (Vgl. Ebd., S. 164-165)
„Soweit dieser traditionelle Begriff von Theorie eine Tendenz aufweist, zielt sie auf ein rein mathematisches Zeichensystem ab. Als Elemente der Theorie, als Teile der Schlüsse und Sätze, fungieren immer weniger Namen für erfahrbare Gegenstände, sondern mathematische Symbole.“ (Ebd., S. 164)
Der Anspruch den die Wissenschaft an sich stelle, sei der der Richtigkeit, die Frage aber, warum man Tatsachen gerade in die eine Richtung ordne und nicht in eine andere, werde nicht gestellt. So schreibt Horkheimer auch 1969 noch.
„Es mangelt der Wissenschaft an Selbstreflexion, die gesellschaftlichen Gründe zu kennen, die sie nach der einen Seite, etwa auf den Mond, treiben und nicht zum Wohl der Menschen.“ (Max Horkheimer 1985, S. 338)
Soweit die traditionelle Theorie aber in diesem Sinne wertfrei bleibe, könne sie den Fortschritt bürgerlicher Gesellschaften in Technik und Produktion, als eine mit ihrer Hilfe vollbrachte Leistung verbuchen und daraus auch ihre eigene Legitimität ableiten. (Vgl. Max Horkheimer 1988, S. 179)
Im Gegensatz zur traditionellen Theorie nehme nun die Kritische Theorie das Vorhandene und wissenschaftlich erfassbare nicht einfach hin, sondern das Vorhandene, diese Welt, wird eben auch als Produkt menschlicher Praxis verstanden. (Vgl. Ebd., S. 173)
Daher sei auch die Struktur wie Wissenschaft betrieben werde, von den gesellschaftlichen Verhältnissen abhängig. Horkheimer erklärt dies anhand der Entwicklung der Astronomie. Die theoretischen und logischen Mängel der bis ins 17. Jahrhundert geläufigen astronomischen Theorien könne den radikalen Bruch hin zum kopernikanischen System nicht alleine erklären. Viel mehr sei es das Aufkommen des mechanistischen Denken gewesen, der dem kopernikanischen System zum Durchbruch verholfen habe. (Vgl. Ebd., S. 169)
Der Rahmen, der die Gesellschaft dem Handeln der Menschen vorgibt und sowohl Arbeitsteilung als auch Klassenunterschiede bestimmt, wird in der Kritischen Theorie als der menschlichen Praxis selbst entspringend und gegenüber ihr verselbstständigen analysiert und eben nicht aus der Natur des Menschen abgeleitet. Daher kann die Welt durch menschliche Praxis auch vernünftig eingerichtet werden. (Vgl. Ebd., S. 181)
Die Kategorien der Ökonomie werden bei Horkheimer wie schon bei Marx, als das benannt, als was sie in der Gesellschaft gelten. Marx führt daher auch größtenteils keine neuen Kategorien ein sondern übernimmt sie von der politischen Ökonomie. Der große Unterschied ist aber, dass er sich fragt warum jener Inhalt jene Form annimmt und die Darstellung der ökonomischen Kategorien schon eine Kritik beinhaltet. Alles andere, also ein umschreiben der Kategorien, wäre für Horkheimer schlechter Idealismus, dies heißt aber auch, wie oben schon angedeutet, das bestehende dadurch nicht hinzunehmen, sondern als der menschlichen Praxis entspringendes und daher änderbares anzusehen. (Vgl. Ebd., S. 182)
Der herrschenden Wissenschaft erscheine diese kritische Theorie der Gesellschaft subjektiv, überzogen, einseitig und dies obwohl sie nach der Einschätzung von Horkheimer nie willkürlich verfahre. Der Grund liege in der Kritik, nicht nur an der Gesellschaft, sondern auch an den Denkweisen der Wissenschaftler, die unbewusst die nach Horkhemeimer überholte Ordnung reproduzierten. (Vgl. Ebd., S. 192)
Gerade bei der Kritik an der traditionellen Wissenschaft bleibt die Position von Horkheimer in all den Jahren fast unverändert.