Der Marxische Materialismus

Januar 18, 2010 von gegenidentifikation

Marx wird nachgesagt, er behaupte: das Sein bestimme das Bewusstsein. Doch dieser Satz wäre lediglich naturalistischer Materialismus, mit dem Marxens Denken unrecht getan würde. Denn bei Marx sind schon die gesellschaftlichen Verhältnisse durch den Stoffwechsel mit der Natur vom Menschen erzeugt, diese Verselbstständigen sich jedoch gegenüber ihnen und Erscheinen als wären sie Naturgegeben. Ein reines Sein, unabhängig von menschlicher Tätigkeit, kann es daher bei Marx nicht geben. Jedoch bei jenen materialistischen Apologeten der Gesellschaft, die die Ordnung als Naturgegeben ansehen und von der verändernden Kraft der menschlichen Tätigkeit völlig abstrahieren. Wer also lehrt, Marx behaupte: das Sein bestimme das Bewusstsein, schiebt Marx eine Position unter, die er selbst kritisiert.
Das Sein ist bei Marx also durch die menschliche Tätigkeit bearbeitet und formt zudem das Bewusstsein der Menschen. Der aktive Part in der Umformung der Gesellschaft – die das Bewusstsein der Menschen bestimmt, wird zur Bedingung der Möglichkeit der Revolution, die sowohl Sein als auch Bewusstsein verändern könnte.
Für Max Horkheimer ist Marx deswegen auch nur in sehr beschränktem Sinne Materialist. Der Marxische Materialismus hat selbst wieder einen gesellschaftlichen Grund: Die nicht vernünftig eingerichtete Gesellschaft. In dieser unvernünftigen Gesellschaft bestimmen die Naturbeherrschung und der Arbeitsprozess in hohem Maße das Denken der Menschen. Doch will Marx es ja anders: Eine vernünftige und vor allem selbstbestimmte Gesellschaft soll den Kapitalismus ablösen. In so einer Gesellschaft würde das Denken auch nicht mehr in solchem Umfang von den Problemen der Naturbeherrschung abhängen, weil es zu einem geradezu kleinen Problem herabgestiegen wäre. Mit Adorno gesprochen wäre daher die Erfüllung des Marxischen Materialismus auch das Ende des Materialismus.

Literatur:
Ernst Bloch: Das Prinzip Hoffnung, Frankfurt am Main 1985
Max Horkheimer: GS Band 8, Frankfurt am Main 1985
Theodor W. Adorno: Philosophische Terminologie. Band 2, Frankfurt am Main 1972

Die FPÖ und der Westen

Januar 7, 2010 von gegenidentifikation

Gerhard Scheit erklärt in seinem Buch “Der Wahn vom Weltsouverän. Zur Kritik des Völkerrechts” in einer Fußnote warum die FPÖ sich auf das Abendland, aber nicht auf den Westen bezieht.

Signifikant darum, daß die Freiheitliche Partei Österreichs, wenn sie gegen die >Islamisierung EuropasAbendland in Christenhand<): Die Berufung auf den Westen würde ebenso Amerika zum Brennpunkt machen, als auch die Erinnerung rufen, daß es eine Westfront fürs nationalsozialistische Reich gab; die Bezeichnung Abendland hingegen diente seit der deutschen Romantik dazu, die Bedeutung der Amerikanischen Revolution zu leugnen, und sie erreichte in der letzten Phase des Nationalsozialismus, die auf die Einigung Europas im Zeichen der Judenvernichtung ausgerichtet war, ihre größte Beliebtheit, um gleich danach Deutschland und Österreich als das Herz des europäischen Humanismus auszuweisen.

Gerhard Scheit 2009, S. 252

Gerhard Stapelfeldt im Interview

November 24, 2009 von gegenidentifikation

Im aktuellen CEEIEH ist ein sehr lesenswertes Interview mit Gerhard Stapelfeldt zu finden, geführt wurde das Interview von Martin Dornis.
Dabei werden mehrere wichtige Themen angesprochen:

Wie ist zum Beispiel das marxsche Werk zu lesen?

Wenn man das als historisches Dogma macht, kann man mit Marx alles belegen und machen, wie es z.B. schon die Marxisten zu seiner Zeit gemacht haben: Aus seiner Geschichtstheorie eine übergeschichtliche Theorie zu machen. Das ist genau das, was die Marxphilologie macht, die Marx nicht aus seinem Forschungsprozess begreift, sondern die versucht, ein Buch, was im Fluss ist (analog zum Gesamtwerk, das als solches ein Fragment ist), ein Schlüsselwerk zu machen, als könne man mit nur einem Buch schlussendlich fertig werden. Das ist eine Omnipotenzphantasie, das ist die theoretische Liquidierung der Geschichte, der Idee der revolutionären Weltveränderung im Interesse einer Humanisierung der Welt. Wenn man glaubt, man würde ein Buch schreiben oder ein früheres Buch nehmen und daraus eine Theorie machen, die als Theorie abgeschlossen ist. Jede Theorie, die auf eine Humanisierung der Welt abzielt, ist – wie Horkheimer sagt – unabgeschlossen, solange vernünftige Verhältnisse nicht verwirklicht sind. Wären sie verwirklicht, bräuchte man keine Gesellschaftstheorie, die die bewußte Gesellschaft erklärt.

Daneben geht es im Interview noch um Krisen, die dem Bürgertum heute keine Dialektik mehr einpauken und die unglückliche Lage kritischer Theorie die von weltverändernder Praxis abgeschnitten ist.
Das ganze Interview gibts hier.

In der selben Ausgabe ist auch ein Text von mir zum Thema Klassenkampf erschienen.

Bündnispartner im Kampf gegen die Islamophobie?

Oktober 27, 2009 von gegenidentifikation

Gebraucht Alain de Benoist jetzt den Ansatz der Islamophobie nur, um den Antisemitismus zu relativieren oder nimmt er diesen Ansatz tatsächlich ernst und relativiert den Antisemitismus dadurch? So genau kann das nicht gesagt werden, auf jeden Fall schreibt Benoist im Zusammenhang mit den Mohammed Karikaturen im Jahre 2006 in der FPÖ nahen Wochenzeitung “Zur Zeit” folgende Sätze:

Wären jene, die es für völlig normal halten, daß in einem “freien Staat” antimuslemische Karikaturen erscheinen ebenso bereit, die Veröffentlichung antisemitischer Karikaturen hinzunehmen? Würden diejenigen, die sich über Abbildungen Mohammeds in zweideutigen oder grotesken Stellungen amüsieren, die weltweite Verbreitung pornographischer Bilder von Anne Frank genau so witzig finden? Natürlich nicht. Europäische Staaten haben Gesetze gegen Antisemitismus, während Islamophobie nirgends bestraft wird. Aus Sicht vieler Muslime wird hier mit zweierlei Maß gemessen. (Alain de Benoist Zur Zeit 8/06, S. 3)

Wie ernst kann eigentlich der Islamophobie-Ansatz genommen werden?

Oktober 17, 2009 von gegenidentifikation

Im gerade erschienen Sammelband “Islamophobie in Österreich”, herausgegeben von John Bunzl und Farid Hafez, wird, wie der Titel schon suggeriert, der Frage nach der Islamophobie in Österreich nachgegangen.
Aufgrund der Mängel des Islamophobie Begriffes ist das Buch aus einer kritischen Sicht interessant, es führt diese Mängel ungeschminkt vor.
Die Mängel könnte man ziemlich oberflächlich wie folgt beschreiben:

Eine Parallelisierung von Islamophobie und Antisemitismus, die nur funktioniert, weil Antisemitismus als ein Vorurteil und nicht als Weltanschauung verstanden wird.

Das eigentlich problematische, weil fremdenfeindliche und mitunter auch rassistische Argument hinter den Sprüchen der FPÖ wird nicht erkannt, sondern als Religionskritik verharmlost. Zudem wird die eigentlich zu kritisierende Position; der Islam sei eine angeborene Identität von Menschen aus islamischen Ländern, nicht hinterfragt, dieser Position wird im schlimmsten Fall sogar recht gegeben. Dies erklärt auch, warum die Kritik an der Religion hier als das Problem erscheint.

In einer Auseinandersetzung zwischen zwei reaktionären Bewegung stellt sich die islamophobie-Forschung auf eine Seite, anstatt eine Position einzunehmen die im Stande wäre beides zu kritisieren.

Alle diese Mängel weist auch diese Buch auf. Doch nicht nur dies, nach der Lektüre einzelner Kapitel des Buches, muss auch die Ernsthaftigkeit, mit der an das Thema heran gegangen wird, in Frage gestellt werden. So zitiert Farid Hafez in seinem Text “Islamophobe Diskursstrategien in Grün und Blau. Eine diskursanalytische Analyse eines Interviews des Grünen Bundesrat Efgani Dönmez.” eben diesen Efgani Dönmez: “Aber: Wenn man Minarette als politisches Symbol installiert, wenn man Religion missbraucht, um im Hintergrund Politik zu machen, dann bin ich dagegen.” Farid Hafez schließt daran nun seine interpretation des gesagten an, und die hat es in sich: “Dieser Satz beinhaltet wertende, stereotype Eigenschaften, die explizit ausgesprochen werden. Verschiedene Topoi werden hier angeführt: der Topos des “Minarett als politisches Symbol” und der Topos des “Politik-machens mit Religion”. Diese Beiden könnten der Einfachheit her als Topos des “politischen Islam” zusammengefasst werden. Dönmez übernimmt an dieser Stelle unhinterfragt islamophobe Diskursstrategien, die von der FPÖ in der Öffentlichkeit hofiert werden.” (Farid Hafez 2009, S. 176)
Dönmez hatte im Interview, ganz zu Recht, eine dritte Position beim Streit um mögliche Moscheebauten eingefordert. Doch bei Hafez wird die Aussage einfach, und durch eine Menge von Unterstellungen, zu einer islamophoben Diskursstrategie.

Interessanter oder besser bedenklicher ist aber der Text von Rüdiger Lohlker. Dabei handelt es sich um eine “Rezension” des Buches “Zwischen Gottesstaat und Demokratie” von Thomas Schmidinger und Dunja Larise. Hier wird am Buch von Schmidinger und Larise bemängelt, diese würden behaupten der Islamismus sei eine antisemitische Bewegung. Lohlker schreibt: “Es wird auch die inzwischen weidlich bekannte Konstruktion eines politischen Islamismus als antisemitische Bewegung wiederholt, die hier nicht weiter analysiert werden kann. Nur die mangelnde Kenntnis der neueren Literatur und der Lücken in der Forschung kann diese Konstruktion weiterhin aufrecht erhalten. Es sei nur auf Wiens einschlägige Untersuchung zum Irak hingewiesen. Auch für die dschihadistische Strömung kann die Zentralität des Antisemitismus nicht so umstandslos behauptet werden.” (Rüdiger Lohlker 2009, S. 211)
Nachdem mit so viel Fachwissen und Quellenangaben widerlegt wurde, dass es da keine Antisemitismus gibt, wird entgegen diesen Ausführungen Verständnis dafür gefordert, wenn im islamischen Zentrum Wien die Bücher des Holcaustleugners Roger Garaudy präsentiert werden. Denn Schmidinger und Larise hätten nur beschrieben dass sie präsentiert wurden, die Aufgabe wäre aber eine andere gewesen. So bemängelt Lohlker: “Hier wäre eine wichtige Aufgabe für ein Handbuch wie das vorliegende, das Diskursuniversum zu verstehen und verständlich zu machen, in der ein höchst mittelmäßiger Autor wie Garaudy mit seiner Holocaustleugnung zu Ruhm gelangen kann. Aber das ist wohl etwas zu viel verlangt.” (Rüdiger Lohlker 2009, S. 216)
Wahrlich ist es etwas zu viel verlangt, Verständnis für Antisemiten und Holocaust-Leugner einzufordern.

ballesterer und der Fußball

Oktober 13, 2009 von gegenidentifikation

ballesterer

ballesterer


Wer bisher dachte, im Fußball geht es um Tempo-Dribblings, Lochpasses, Slide-Tacklings und natürlich auch Spieltaktik wird vom ballesterer, seines Zeichens Fußballmagazin für Gemeinschaftslichkeit und Tradition, eines besseren belehrt.
Es geht vor allem um Identität und Treue. Alles war auch eitel Wonne, bis Red Bull ins Fußballgeschäft Einstieg.
“Instinktiv erfassten immer mehr Anhänger , was in Salzburg im Gange war. Das Auslöschen all dessen, was Fußball auszeichnet: der Stellenwert der Fans, die Anteilnahme, gesellschaftliche Verankerung, Identität durch den Verein und umgekehrt, Gemeinschaftlichkeit, Treue, ja selbst Spannung und sportlicher Ehrgeiz” (Stefan Kraft: ballesterer 46/2009, S.23)
Dieses Magazin nun, dass sich, trotz solcher Ausführungen, als “links” sieht, bläst zum Angriff gegen das Übel Red Bull. Anstatt zu reflektieren, welche Mechanismen, den Fußball zum Geschäft machen und das die Kapitalisierung des Fußballs in England schon im 19. Jahrhundert von statten ging, wird eine heile Fußball Welt gezeichnet, die nun von Red Bull kaputt gemacht werde. Nicht nur in Mode und Musik findet im Moment wohl ein 80er Revival statt sondern auch in der linken Kapitalismuskritik, die gerade in diesem Fall nur mehr eine Konzernkritik ist doch damit kann der Kapitalismus, der auch vor dem Fußball nicht halt macht, als ganzes gar nicht mehr kritisiert werden. Bei der Verteidigung des Fußballs wird dann Stilecht auf reaktionäre Bilder des Gemeinsinns zurück gegriffen.

Fußballfans, die nun wegen dem sportlichen Aspekt des Fußballs, also wegen schöner Spielzüge und Aktionen und weniger wegen dem Gemeinschaftsgefühl ins Stadion kommen, werden im ballesterer als Konsumenten bezeichnet. Diese wollten nur Konsumieren ohne das sie sich der Gemeinschaft absolut verschrieben. Bei Rapid Wien dagegen ist der Verein bei den Fans eine Religion und damit auch Liebkind der Ballesterer Schreiber. Dieser Verein wird auch bei einem Vergleich bemüht: “Einem kolportierten Einsatz von durchschnittlich 40 Millionen Euro pro Saison steht nach vier Jahren folgende Bilanz gegenüber: zweimal Meister, kein Cupsieg, das vierfache Ausscheiden aus dem Europacup noch vor der Gruppenphase, gar nicht zu reden von einem ernsthaften Auftritt in der Champions League. Zum Vergleich: Rapid Wien schaffte es seit 2004/2005 mit einem Budget von angegebenen 15 Millionen (2009/10) ebenfalls, zweimal Meister zu werden, und qualifizierte sich für die Champions League.” (Stefan Kraft: Ballesterer 46/2009, S.23)
Für einen Fußballklub aus der österreichischen Liga mit einem Budget von 30-40 Millionen Euro Budget für zwei Profimannschaften (Red Bull Salzburg und Red Bull Juniors in der zweiten Spielklasse) ist es wohl nicht peinlich, gegen die Blackburn Rovers, Shaktar Donezk oder Sevilla auszuscheiden. Als Meister, in der Champions League Qualifikation gegen den zypriotischen Meister Famagusta auszuscheiden, dagegen eher schon.
Das der angebliche Nachweis des sportlichen Misserfolges von Red Bull Salzburg gerade zu einem Zeitpunkt kommt, in dem sie Tabellenführer in der Liga und nach Siegen gegen Villareal und Lazio Rom sogar der Europa-League Gruppe sind, kann als geradezu peinlich bezeichnet werden.
Doch das alles wird den ballesterer nicht davon abhalten, auch in Zukunft mit Tradition und Gemeinschaftssinn gegen den herbeihalluzinierten “modernen Fußball” zu Felde zu ziehen

Die Kritische Theorie von Max Horkheimer. Teil 1

September 27, 2009 von gegenidentifikation

Die Entstehung der Kritischen Theorie

1924 begann die Geschichte der Kritischen Theorie in Frankfurt. Carl Grünberg ehemaliger Jurist und seit 1909 Ordinarius für politische Ökonomie in Wien übernahm damals die Leitung des Instituts. Er selbst war erst im Laufe seiner Tätigkeit in Wien zum Marxisten geworden und vertrat eine an Max Adler angelehnte Marxrezeption. Dies implizierte ein im Nachhinein gesehen, naives Vertrauen auf den Lauf der Geschichte und die Leugnung der philosophischen Wurzeln der marxschen Kritik, die zu einer menge positivistischer Verkürzungen führte.
Trotz dieser traditionellen und eher positivistischen Leseart, bereitete Gründberg mit seiner Tätigkeit eine breite Diskussion im akademischen Bereich zur marxschen Kritik vor.
Mit der von ihm vertretenen Theorie, hatte er auf die spätere Ausrichtung des Institutes unter der Leitung von Max Horkheimer jedoch so gut wie keinen Einfluss. Mit einer Ausnahme, dass es sowohl Grünberg als auch der späteren Kritischen Theorie, nie in den Sinn gekommen wäre, den frühen Marx der “Pariser Manuskripte” gegen den späten Marx der “Kritik der politischen Ökonomie” auszuspielen um aus Marx einen Daseinsanalytiker oder Anthropologen zu machen, was gerade in den 1930 Jahren populär wurde. (Vgl. Alfred Schmidt 1974, S. 37-41)

Max Horkheimer gehörte zu einem der wichtigsten Intellektuellen, die eine philosophische Marxrezeption vertraten, die sich aber von der bereits erwähnten, ebenfalls philosophischen Leseweise, stark unterschied. Zentral war dabei die Frage nach der Bedeutung Hegels für Marx, vor allem bezüglich des Begriffs der Dialektik. Diese hatte Marx 1858 als das letzte Wort der Philosophie bezeichnet, doch sie müsse noch vom mystischen Schein, also den verklärten Fortschritt zu einer höheren Stufe, den sie bei Hegel habe, befreit werden. (Vgl. Ebd., S. 41-42)

Was ist Kritische Theorie für Horkheimer

Die Frage was denn Kritische Theorie sei, beantwortet Max Horkheimer schon in einem 1937 erschienen Aufsatz „Traditionelle und kritische Theorie“. Dabei handelt es sich um einen Versuch, Marx und dessen Kritik zu aktualisieren. Er hält zwar durchaus orthodox an der marxschen Kritik der politischen Ökonomie fest. (Vgl. Max Horkheimer 1988, S. 200) Spricht aber heute in der Theorie bestehende Widersprüche an, die er aber nicht als ein Fehler der Theorie selbst, sondern als das Resultat einer sich verändernden Welt im Übergang vom liberalen- zum Monopolkapitalismus begründet sieht. (Vgl. Ebd., S. 212)
Noch einmal 1969 widmet sich Max Horkheimer in zwei Reden der Frage, „Kritische Theorie gestern und heute“, dabei werden natürlich einige Positionen von 1937 revidiert. Vor allem der Hoffnung auf eine revolutionäre Umwälzung wird eine Absage erteilt. Revolutionen werden gar als überaus gefährlich dargestellt. Welche Positionen geändert und welche gleich blieben, soll im weiteren verlauf gezeigt werden.

In seinem schon erwähnten Aufsatz “Traditionelle und kritische Theorie” grenzte Max Horkheimer die Kritische Theorie, die er größtenteils mit der marxschen in eins setzt, sowohl von der traditionellen Theorie, die heute wie damals den Wissenschaftsbetrieb bestimmt, als auch von der Marxrezeption in der Sowjetunion ab.
Traditionelle Theorie beschreibt er als ein theoretisches System, dass frei ist von dogmatischen Setzungen und in dem sich die einzelnen Teile der Forschungsarbeit widerspruchsfrei aufeinander beziehen.
Dabei würden auch die Sozial- und Geisteswissenschaften auf die Methoden der Naturwissenschaften zurückgreifen, denn um den Marktwert Geisteswissenschaften sei es nicht immer gut bestellt, die Naturwissenschaften seien von solchem Zweifel aber durch ihre offensichtliche Nützlichkeit für die Produktion enthoben. (Vgl. Ebd., S. 164-165)
„Soweit dieser traditionelle Begriff von Theorie eine Tendenz aufweist, zielt sie auf ein rein mathematisches Zeichensystem ab. Als Elemente der Theorie, als Teile der Schlüsse und Sätze, fungieren immer weniger Namen für erfahrbare Gegenstände, sondern mathematische Symbole.“ (Ebd., S. 164)
Der Anspruch den die Wissenschaft an sich stelle, sei der der Richtigkeit, die Frage aber, warum man Tatsachen gerade in die eine Richtung ordne und nicht in eine andere, werde nicht gestellt. So schreibt Horkheimer auch 1969 noch.
„Es mangelt der Wissenschaft an Selbstreflexion, die gesellschaftlichen Gründe zu kennen, die sie nach der einen Seite, etwa auf den Mond, treiben und nicht zum Wohl der Menschen.“ (Max Horkheimer 1985, S. 338)
Soweit die traditionelle Theorie aber in diesem Sinne wertfrei bleibe, könne sie den Fortschritt bürgerlicher Gesellschaften in Technik und Produktion, als eine mit ihrer Hilfe vollbrachte Leistung verbuchen und daraus auch ihre eigene Legitimität ableiten. (Vgl. Max Horkheimer 1988, S. 179)

Im Gegensatz zur traditionellen Theorie nehme nun die Kritische Theorie das Vorhandene und wissenschaftlich erfassbare nicht einfach hin, sondern das Vorhandene, diese Welt, wird eben auch als Produkt menschlicher Praxis verstanden. (Vgl. Ebd., S. 173)
Daher sei auch die Struktur wie Wissenschaft betrieben werde, von den gesellschaftlichen Verhältnissen abhängig. Horkheimer erklärt dies anhand der Entwicklung der Astronomie. Die theoretischen und logischen Mängel der bis ins 17. Jahrhundert geläufigen astronomischen Theorien könne den radikalen Bruch hin zum kopernikanischen System nicht alleine erklären. Viel mehr sei es das Aufkommen des mechanistischen Denken gewesen, der dem kopernikanischen System zum Durchbruch verholfen habe. (Vgl. Ebd., S. 169)

Der Rahmen, der die Gesellschaft dem Handeln der Menschen vorgibt und sowohl Arbeitsteilung als auch Klassenunterschiede bestimmt, wird in der Kritischen Theorie als der menschlichen Praxis selbst entspringend und gegenüber ihr verselbstständigen analysiert und eben nicht aus der Natur des Menschen abgeleitet. Daher kann die Welt durch menschliche Praxis auch vernünftig eingerichtet werden. (Vgl. Ebd., S. 181)
Die Kategorien der Ökonomie werden bei Horkheimer wie schon bei Marx, als das benannt, als was sie in der Gesellschaft gelten. Marx führt daher auch größtenteils keine neuen Kategorien ein sondern übernimmt sie von der politischen Ökonomie. Der große Unterschied ist aber, dass er sich fragt warum jener Inhalt jene Form annimmt und die Darstellung der ökonomischen Kategorien schon eine Kritik beinhaltet. Alles andere, also ein umschreiben der Kategorien, wäre für Horkheimer schlechter Idealismus, dies heißt aber auch, wie oben schon angedeutet, das bestehende dadurch nicht hinzunehmen, sondern als der menschlichen Praxis entspringendes und daher änderbares anzusehen. (Vgl. Ebd., S. 182)
Der herrschenden Wissenschaft erscheine diese kritische Theorie der Gesellschaft subjektiv, überzogen, einseitig und dies obwohl sie nach der Einschätzung von Horkheimer nie willkürlich verfahre. Der Grund liege in der Kritik, nicht nur an der Gesellschaft, sondern auch an den Denkweisen der Wissenschaftler, die unbewusst die nach Horkhemeimer überholte Ordnung reproduzierten. (Vgl. Ebd., S. 192)

Gerade bei der Kritik an der traditionellen Wissenschaft bleibt die Position von Horkheimer in all den Jahren fast unverändert.

Ultras “für den modernen Fußball”

September 6, 2009 von gegenidentifikation

Nachdem ich mir ja selbst schon Gedanken über den “modernen Fußball” gemacht habe, bin ich heute auf einen ganz netten Text der Ultras Red Bulls, der im aktuellen CEEIEH erschienen ist, gestoßen.

Wir als linke Ultras von Red Bull Leipzig verstehen uns als antirassistische, antifaschistische, antisexistische Gruppierung. Wir sind Antikapitalisten und sehen in Staat und Nation keine Perspektive für ein emanzipiertes Individuum sowie für eine aufgeschlossene Gesellschaft. Unseren Unmut mit den bestehenden Verhältnissen bringen wir auf die Straße. Unsere Kritik an der kapitalistischen Totalität üben wir im öffentlichen Raum. Wir wehren uns aber entschieden gegen Heuschrecken- und Bonzen-Hasstiraden bezüglich unseres Clubs. Euer Kampf ist nicht der Unsere! Das Fanbewusstsein für Red Bull Leipzig ist für uns das bessere Leben im falschen Ganzen. Wir sind Leipziger, Fußballverrückte, linke Chaoten. Für den RB Leipzig!

Strache vs. Dörfler

August 4, 2009 von gegenidentifikation

Was ergibt: Sonne, Alkohol und zwei rechte Politiker in Kärnten? Richtig, der eine erklärt sich zum Türken, der andere macht Wahlwerbung für die Sozialdemokratie in Wien.

Die Konstruktion von Wohlfühlplätzen am Beispiel des Spielfilms: „Das Wunder von Bern“

Juli 22, 2009 von gegenidentifikation

In einer Zeit, in der der Nationalsozialismus in Deutschland weniger geleugnet und er in der deutschen Vergangenheitsbewältigung eher dafür benutzt wird zu versichern, man habe sich gebessert und sei dadurch jetzt berechtigt der Welt zu erklären wie es läuft, ist es trotzdem nötig, neben den ganzen schrecklichen geschichtlichen Ereignissen auch auf die deutschen Wohlfühplätze der Geschichte, wie eben den WM Sieg 1954, zu verweisen.

Problematisch ist solch eine Konstruktion von „Wohlfühlplätzen“ sowieso immer, doch steigert sich das, wenn unschöne Dinge, wie das Singen der ersten Strophe des Deutschlandliedes nach dem Titelgewinn oder die Nazi Vergangenheit von Sepp Herberger, einfach verschwiegen werden, wie das im Spielfilm „Das Wunder von Bern“ von Regisseur Sönke Wortmann passiert.

Der Film ist unkritischer wie er auf den ersten Blick erscheint, zwar wird der aus der Kriegsgefangenschaft zurückkehrende Vater Richard anfangs äußerst unsympathisch und über hart dargestellt, auch sein ältester Sohn Bruno, der die durchaus richtigen Fragen stellt, setzt ihm zu anfangs mächtig zu. Doch ist das nur das Vorspiel um die Läuterung des Vaters und seinen eigenen Opferstatus heraus zu stellen. Der ältere kommunistische Sohn, wird dagegen letztendlich als naiv und weltfremd denunziert, wenn er im Glaube die DDR sei das Reich von Gleichheit und Freiheit eben dort hin, vor dem Vater flüchtet.

Der Film selbst Verknüpft damit zwei Sachen, den Mythos vom „Wunder von Bern“, das im Film durch den jüngsten Sohn Matthias personifiziert wird. Helmut Rahn kann nämlich laut Aussage des Filmes, nur Gewinnen wenn Matthias beim Spiel anwesend ist und wie durch ein Wunder gelangt der Sohn mit Hilfe des nun geläuterten Vaters zu den letzten Minuten des Endspiels in Bern. Kurz nachdem der Sohn das Stadion erreicht und Blickkontakt mit Rahn hatte, macht dieser das 3:2 für Deutschland.
Zum anderen wird das „Wunder von Bern“ zu einer filmischen Verarbeitung der Nazivergangenheit ohne diese auch nur irgendwie im Film darzustellen. Die Vergangenheit wird nicht geleugnet und auch mit den oben schon erwähnten ausnahmen nicht beschönigt, sie wird aufgearbeitet. So weit wäre dies auch zu begrüßen, nur hinterlässt diese krampfhafte Versicherung des eigenen Opferstatus in Kombination mit dem „Wir deutschen, haben aus unseren Fehlern gelernt“ doch einen bitteren Nachgeschmack.